Kultur- und Wegekirche

Bin ich blind, bin ich taub?
von Anna Sophie von Holleben, Mara Loytved-Hardegg und Heide Pawelzik, Berlin
2013

Fotos (die Künstlerinnen)  1   2   3   4   5   6   7   8   9   10   11   12   13   space






Siehst du nicht?
Hörst du nicht?
Hast du keine Augen im Kopf?
Hast du denn keine Ohren?

Das sind alltägliche Sätze, die nicht das Vorhandensein unserer Sinne in Frage stellen, wohl aber an ihren aufmerksamen Gebrauch appellieren. Unsere Wahrnehmung erfolgt durch das Zusammenspiel aller Sinne, über die wir verfügen, wobei jeder Mensch die Dinge unterschiedlich wahrnimmt. Also könnte ich auch fragen: »Mit welchen Augen sehe ich? Mit welchen Ohren höre ich?« Hildegard von Bingen, die auch eine »Seherin« genannt wird, sagt: »Wie das Auge der Liebe ist die Hoffnung«. Das Sehen mit einem solchen Auge ist für die meisten Menschen sicher nicht alltäglich. Möglicherweise passt zu diesem erweiterten Sehen eher das Wort »schauen« und auf das Hören bezogen, das Wort »horchen« oder »lauschen«.

Die Installation »Bin ich blind, bin ich taub?« in der Kultur- und Wegekirche Landow auf Rügen versucht,
auch auf diese Dimension von Sehen und Hören bzw. von Blindsein und Taubsein einzugehen. Ein Kind im Mutterleib ist nicht taub und auch nicht blind, es hört den Herzschlag der Mutter, spürt die Bewegungen und hat bereits Augen, die allerdings erst nach der Geburt durch die Begegnung mit dem Licht ihre Sehfertigkeit entwickeln. Die tastbare, die hörbare, die sichtbare und die mit weiteren Sinnen erfahrbare Welt ist Ausgangspunkt, d.h. die Basis unseres Erlebens.
Dazu gehört auch die Erfahrung der Schwerkraft und der Wunsch, schweben bzw. fliegen zu können, ein ganz früher Menschheitstraum.

Anna S. von Holleben zeigt mit ihrer Arbeit »Kann ich fliegen?« etwas von dieser Sehnsucht, sich leicht
zu fühlen und über den Dingen zu schweben und gleichzeitig die Welt von oben zu sehen, d.h. den Überblick
zu haben.
Die leichte Bewegung transparent wirkender Flugobjekte, die von der Decke des großen Raumes hängen, entsteht durch die Luftbewegung, durch das Atmen der Menschen, das Hauchen beim Sprechen.
»What did we hear? It was the breath we took ...« heißt es in einem Gedicht von Harold Pinter.

Auf die Ballustrade der Kirchenempore, dort wo früher die Orgel stand, legte Mara Loytved-Hardegg
ein fast 10 m langes, helles Band mit dem Schriftzug »Listen. It is here.« (Wiederum ein Zitat aus dem Gedicht von Harold Pinter). Und auf Teile des barocken, ehemaligen Beichtstuhls unter der Ballustrade bringt sie Fotos von Händen an, welche die Gebärdensprache benutzen. Die Buchstabenfolge ergibt das Wort »HORCH«. An der Wand daneben sehen wir in Blindenschrift die Wörter »You see?« und »Schau«, an anderer Stelle ein kleines Holzrelief »Lichttor«. Diese kleinen »Interventionen« sprechen auch den besonderen Ort mit seiner Geschichte an. »Listen ...«, dann spüren wir vielleicht etwas davon, was an diesem Ort zuvor geschah.

Der Beitrag von Heide Pawelzik, ein fast zwei Meter hohes, leicht geknicktes Blech mit einem Falz in
der Mitte, steht, wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen Buches, vor dem barocken Altar. Durch einen Riss im Blech fällt Licht hindurch. Um den Altarsockel herum läuft ein Textband mit den Worten von Leonard Cohen: »There's a crack in everything, that's how the light gets in«.
Die Arbeit verbirgt zwar den historischen Altar, tritt aber mit ihm in ein Zwiegespräch. Durch den schmalen Riss im Material dringt wie durch eine Verletzung das gebündelte Licht verstärkt zu unseren Augen.

Merle Rosen, Juni 2013